Umbenennung der "Wagenfeldstraße"

BezeichnungInhaltBezeichnungInhalt
Name:6 2012/096  
Art:Beschlussvorlage  
Datum:05.06.2012  
Betreff:Umbenennung der "Wagenfeldstraße"
Referenzvorlage:6 2012/008
DokumenttypBezeichnungAktionen
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Beschlussvorschlag

1.   Die „Wagenfeldstraße“ ‑ benannt nach Karl Wagenfeld ‑ wird umbenannt.

2.   Die bisherige „Wagenfeldstraße“ erhält den Namen „Lefmannstraße“.

3.   Das Straßenbenennungsschild erhält folgenden Zusatz:

Von 1957 ‑ 2012 „Wagenfeldstraße“; benannt nach dem niederdeutschen Dichter, Lehrer und Heimatforscher Karl Wagenfeld (geb. 1869, gest.1939); umbenannt wegen der nachgewiesenen Nähe Karl Wagenfelds zur NS-Ideologie.

4.   Die Stadt Telgte unterstützt die Anlieger/-innen der bisherigen „Wagenfeldstraße“ bei den Umbenennungsaufwendungen und übernimmt die bei der Stadt Telgte anfallenden Kosten zur Adressänderung.

5.   Es entstehen Kosten in Höhe von ca. 300 € für neue Straßenbenennungs- und Zusatzschilder. Die Finanzierung ist aus laufenden Mitteln gesichert.


Begründung

Die Gemeindevertretung des Amtes Telgte hatte am 13.09.1957 beschlossen, eine Straße im damaligen Baugebiet „Telgte Süd“ zu Ehren des in Lüdinghausen geborenen plattdeutschen Dichters; Lehrers und Heimatforschers Karl Wagenfeld (geb. 1869, gest. 1939) nach diesem zu benennen. Karl Wagenfeld hatte sich unter anderem als Mitbegründer des Westfälischen Heimatbundes große Verdienste um die westfälische Heimatbewegung erworben.

In den letzten Monaten wurde in Telgte wie auch in einigen anderen Städten und Gemeinden in der Presse und den zuständigen kommunalpolitischen Gremien über die Verwendung des Namens Karl Wagenfeld als Straßenname diskutiert. Hintergrund der Diskussion ist die nachgewiesene Nähe Karl Wagenfelds zur NS-Ideologie.

Die Verwaltung hatte Anfang dieses Jahres zunächst vorgeschlagen, auf eine „echte“ Umbenennung der Wagenfeldstraße zu verzichten und stattdessen mit der „Wagenfeldstraße“ den Bauhauskünstler Wilhelm Wagenfeld zu ehren. Aufgrund der öffentlichen Diskussion, verschiedener Anregungen von Telgter Vereinen sowie einer Rücksprache mit der in der Schweiz lebenden Tochter Wilhelm Wagenfelds wurde in der Sitzung des Haupt- und Wirtschaftsförderungsausschusses vom 31.01.2012 beschlossen, zunächst eine öffentliche Informationsveranstaltung zu der Frage einer möglichen Umbenennung sowie zur Person Karl Wagenfelds durchzuführen und erst danach eine Entscheidung herbeizuführen.

In der daraufhin erfolgten öffentlichen Veranstaltung vom 21.03.2012 trug der Historiker und wissenschaftliche Referent im LWL-Institut für Westfälische Regionalgeschichte, Herr Dr. Karl Ditt, seine Forschungsergebnisse zur Person Karl Wagenfelds und dessen Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus vor. Nach diesen Ergebnissen ist die Verwaltung der Auffassung, dass eine Umbenennung der Wagenfeldstraße zwingend erfolgen sollte.

Die in der Informationsveranstaltung anwesenden Anwohner/-innen der Wagenfeldstraße sprachen sich einhellig gegen eine Umbenennung aus. Eine Anwohnerin regte allerdings für den Fall einer Umbenennung an, den Hintergrund dieses Umbenennungsvorgangs vor Ort durch einen Zusatz auf dem Straßenbenennungsschild zu dokumentieren. Diesen Vorschlag greift die Verwaltung mit der Ziffer 3 des Beschlussvorschlages ausdrücklich auf.

Die Stadtverwaltung wird die Anlieger/-innen der bisherigen Wagenfeldstraße bei den Aufwendungen, die ihnen in Zusammenhang mit der Umbenennung entstehen, unterstützen und übernimmt in diesem Zusammenhang die Kosten der Adressänderung im Kfz-Schein (10,70 €) ‑ eine entsprechende Änderung ist über das Bürgerbüro Telgte möglich. Für eine Adressänderung im Personalausweis entstehen keine Kosten, Reisepässe enthalten keine Adressangaben.

Die nachfolgenden Ausführungen, die teilweise auch Inhalt des Vortrages von Herrn Dr. Ditt waren, sollen dazu dienen, die Argumente für eine Umbenennung der Wagenfeldstraße zu stützen. Sie sind der umfassenden Sitzungsvorlage V/0369/2012 der Stadt Münster für die Bezirksvertretung Münster-Mitte vom Mai 2012 entnommen, die sich auf die Ergebnisse einer umfangreichen und historisch-fachlich begleiteten Arbeit einer „Kommission zur Straßenbenennung“ stützt.

Karl Wagenfeld und der Nationalsozialismus:

Politische Mitgliedschaften

27.04.1933: Eintritt in die NSDAP (Mitgliedsnummer 2496073) Weitere Mitgliedschaften: Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) "Schulter an Schulter für unsere deutsche Sache arbeiten"

In einem Brief an seinen nationalsozialistischen Freund Heinrich Glasmeier begründete Wagenfeld seinen Eintritt in die NSDAP:

"Was ich da an Eindrücken gewonnen habe, hat mir die unbedingte Notwendigkeit klar gemacht, dass ich, wenn meine Lebensarbeit nicht geschädigt werden soll, unbedingt der N.S.D.A.P. beitreten muss. [...] Dass das keinen Gesinnungswandel bedeutet, wissen Sie. Wer in mir einen Konjunkturjäger sehen sollte, dem schlage ich [...] in die Fresse. [...] und hoffe, dass wir jetzt noch besser als früher Schulter an Schulter für unsere deutsche Sache arbeiten können."

"Das neue Reich brachte meiner Forderung die Erfüllung."

Zitat aus einem von Karl Wagenfeld verfassten Lebenslauf: "Der deutsche Mensch als Träger deutschen Wesens muss Mittel und Endpunkt deutschen Heimatschutzes, deutscher Heimatschutz muss Volkssache werden. Das neue Reich brachte meiner Forderung die Erfüllung." (Karl Wagenfeld, Bundesarchiv, Akte Reichsschrifttumskammer, vermutlich 1938)

"Wir brauchen uns nicht umzuschalten"

Dies bescheinigte Karl Wagenfeld dem Westfälischen Heimatbund am 22. April 1933. Nur einige Tage später erklärte er erneut: "Der Westfälische Heimatbund hat es nicht nötig 'umzuschalten', weil seine Arbeit stets im Sinne des neuen Reiches gewesen ist." Diese offensive Erklärung für den Nationalsozialismus war Ausdruck seines Selbstbewusstseins. Er erschien ihm als idealer Bündnispartner und Vollstrecker des eigenen Programms. Das war nicht falsch. Wagenfelds Anschauungen zeigten schon vor 1933 große Gemeinsamkeiten mit der Ideologie des Nationalsozialismus.

Diese Nähe lässt sich vor dem Hintergrund der um 1900 entstandenen Heimatbewegung verstehen. Wagenfeld war einer ihrer führenden geistigen Köpfe. Die Bewegung strebte eine geistig-kulturelle Erneuerung an und machte sich den Schutz der Heimat und des "westfälischen Volkstums" vor Modernismus, Industrialisierung und Verstädterung zur Aufgabe. Wagenfeld formulierte in seinen Schriften sein Bekenntnis "zum deutschen Wesen", zum Provinziellen und zu dörflich-bäuerlichen Lebensformen. Sein gesellschaftspolitisches Ideal umfassten Begriffe wie Familie, Stamm, Schollenverbundenheit, Besiedlung des Ostens. Nach 1933 griff er den NS-Jargon auf und sprach etwa von "Blut und Boden". Gemeinsam strebten Wagenfeld und die Nationalsozialisten die Schaffung einer gleichförmigen "Volksgemeinschaft" an. Seine katholisch geprägte, völkisch-konservative Weltanschauung wies ein hohes Anknüpfungspotential an die NS-Ideologie auf.

Rasseideologie

In Wagenfelds Denken und Schreiben fanden sich zeitgemäß schon vor 1933 Forderungen nach "Rassereinheit". Dafür plädierte er 1926/27 im Coesfelder Kreisheimatkalender. Er stellte dem "Rassengemisch der Großstadt" den "blonden Niederdeutschen" entgegen. Schon früh trat er ein für die Einhaltung eugenischer Regeln zum Schutz des "Stammes- und Blutserbes der Väter" gegenüber "Fremdrassigen". Die Gegner der Heimatbewegung und ihrer Ziele sah er teils in Angehörigen fremder Völker außerhalb der deutschen Grenzen, teils in "Fremdrassigen" innerhalb der deutschen Grenzen, die "das deutsche Gastrecht mißbrauchen". Mit letzteren gebe es "nur Kampf, Kampf bis zum sieghaften Ende".

Es gab aber auch gewisse Unterschiede beim Rassebegriff. Während der Nationalsozialismus aus vermeintlicher biologischer Minderwertigkeit die Vernichtung folgerte, sah Wagenfeld noch ein Veränderungspotential des "Minderwertigen" durch Erziehung. Die größte Differenz zwischen Wagenfeld und dem Nationalsozialismus bestand wohl darin, dass Wagenfelds Anschauungen ursprünglich christlich geprägt waren, während die Nationalsozialisten eher areligiös waren. Die Weltanschauung Karl Wagenfelds weist insgesamt jedoch mehr Anknüpfungspunkte als Unterschiede zur NS-Ideologie auf.

Beteiligung an nationalsozialistischer Propaganda

Wagenfeld beteiligte sich an dem von ihm begrüßten Bündnis zwischen Heimatbewegung und Nationalsozialismus. Die propagandistische Ausrichtung des ersten Westfalentags nach der Machtübernahme 1933 lag ganz auf der Linie der Nationalsozialisten. Er stand unter dem Motto "Heimat und Reich". Bei zahlreichen Veranstaltungen wurde die gemeinsame Zielrichtung betont. Ohne die Beteiligung der NSDAP und des Provinzialverbandes wäre die geplante Massenveranstaltung nicht möglich gewesen. Deshalb forderte der Westfälische Heimatbund die Partei zur Mitorganisation auf. Die Veranstaltung bot das Forum zu einer Selbstinszenierung beider Organisationen. Seine Ansprache bei einer Massenkundgebung auf dem Hindenburgplatz beendete Wagenfeld mit den Worten:

"Herzlicher Dank unserem Führer, unserem Reichskanzler Adolf Hitler! Ihm, dem Volkskanzler, das Gelöbnis westfälischer Treue, ihm und seinem großen Werke ein frommes 'Guod help!' ein hoffnungsreiches 'Glückauf', ein mannhaftes 'Sieg Heil!'" (Münsterischer Anzeiger vom 18.09.1933)

Auftrag der SA der NSDAP Gruppe Westfalen zur Formulierung eines Spruches für die SA-Dolchklinge

Im Nachlass von Karl Wagenfeld findet sich ein Schriftwechsel von drei Briefen aus dem Jahr 1934. An Wagenfeld wird die Bitte herangetragen, einen Spruch für die SA-Dolchklinge zu entwerfen. Wagenfeld drückt in seinem Antwortschreiben "eine grosse Freude" aus, "wenn es ihm vergönnt sein sollte, einen guten Spruch zu schaffen, der als Widmung bei der Verleihung der S.S.-Dolche zu verwenden wäre". Daraufhin dankt ihm der SA-Sturmbannführer dafür, dass er seine "bewährte Kraft der SA zur Verfügung stellen" wolle.

Wagenfeld-Ehrung

Der Westfalentag 1933 wurde mit einer Karl-Wagenfeld-Ehrung im Friedenssaal eingeleitet. Damit drückte die nationalsozialistische Führung der Provinz Westfalen und der Stadt Münster Karl Wagenfeld ihren Dank aus. Die großzügige Ehrengabe sollte Wagenfeld in den Genuss eines eigenen Hauses (Görresstraße 1) bringen.

"Als Zeichen dieses Dankes hat der Provinzialausschuss dann Herrn Dr. Wagenfeld anschließend die Verleihung einer Ehrengabe an den Dichter beschlossen, die ihn zum Besitz eines eigenen Heimes auf eigener Scholle instand setzen soll."

Weitere Unterstützung für die Nationalsozialisten

Noch nach seinem offiziellen Ausscheiden als Vorsitzender des Heimatbundes äußerte sich der von den Nationalsozialisten mehrfach ausgezeichnete und finanziell geförderte Wagenfeld in öffentlichen Erklärungen positiv und unterstützend zum nationalsozialistischen Regime. Mindestens bis 1936 sind Loyalitäts- und Unterstützungserklärungen für Hitler und das NS-Regime überliefert, die wohl auf Veranlassung regionaler NSDAP-Stellen erfolgten.

Umbenennung:

Vor diesem Hintergrund schlägt die Verwaltung die Umbenennung der „Wagenfeldstraße“ vor. Nach einem im Vorfeld mit allen Fraktionen geführten Austausch wird eine Umbenennung in „Lefmannstraße“ vorgeschlagen.

Salomon Lefmann (geb. 25.12.1831 in Telgte; gest. 14.01.1912 in Heidelberg) war ein deutscher Philologe. Lefmann besuchte die jüdische Schule in Telgte und studierte später an den Universitäten Münster, Heidelberg, Berlin und Paris. Er promovierte 1864 in Berlin, wurde Privatdozent und erhielt 1870 eine außerordentliche Professur für Sanskrit in Heidelberg. Salomon Lefmann engagierte sich zudem für die Erforschung der deutschen Sprache und für die Weiterentwicklung der deutschen Rechtschreibreform.